Sandsteinwelten

Brich auf

und suche jenseits der Berge,

wo etwas Verborgenes deiner harrt.

Geh! Geh und entdecke es!

 

 Rudyard Kipling, Der Entdecker

 

2013 ist bei National Geographic ein Bildband über die Naturwunder des amerikanischen Südwestens erschienen, den ich gemeinsam mit dem Fotografen Holger Lorenz erarbeitet habe. Niemand hat die Magie dieser Landschaften so perfekt und so zwingend eingefangen wie er.

 

©  Holger Lorenz

Die Birkenwälder des Felsengebirges leuchten bernsteingelb, als wäre der Sonnenschein darin geronnen. Gleißende Dünen driften über das Land. Sattes Frühlicht lässt den Mesa Arch wie von innen her erglühen. Gewitterwolken verwandeln den Black Canyon in ein mythisches Schattenreich, als klaffte hier der Eingang in die Unterwelt.

 

©  Holger Lorenz

Schon die Anasazi haben diese Klippen als Leinwände benutzt, haben Jagd- und Kultszenen darauf verewigt. Seit tausend Jahren reflektieren die Canyons die Träume und Alpträume ihrer Besucher. Wüstenerfahrung ist immer auch Selbsterfahrung. Unsere heutige, kulturgeschichtlich sehr junge Faszination spiegelt unser inständiges Bedürfnis nach Reinheit, nach Freiheit und nach dem Wunderbaren.

 

©  Holger Lorenz

Die Bilder von Holger Lorenz beschwören diese Sehnsüchte und erfüllen sie zugleich. Sie schicken uns auf eine phantastische Reise, eine Expedition ins Reich des Lichts, in einen Kosmos der Formen, Farben und Verwandlungen. Bereits bei seinem ersten Prachtband GENESIS, für den er 2005 mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet worden ist, hatte ich das Vergnügen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Der neue Band versammelt gut 120 Bilder aus zwei Jahrzehnten. Es sind Zeugnisse einer unbeirrbaren Passion, voll Hingabe, Wanderlust und fotografischer Meisterschaft. Mit gutem Grund ist er nun seinerseits für den Deutschen Fotobuchpreis 2014 nominiert worden. 

 

©  Holger Lorenz

Hier ein Auszug aus dem einleitenden Essay:

 

Ein Wüstennest in Arizona trägt den genialen Namen Why. Vermutlich ließe sich die Kulturgeschichte des Westens allein aus der Betrachtung der Orts- und Flurnamen heraus schreiben. Namen, so rauh und prosaisch wie die ersten Weißen, die hier durchzogen. Manche dokumentieren die abenteuerliche Ignoranz ihrer Gründer: New London, Weimar, Romeo. Andere bezeichnen das, was ist, und sei es noch so wenig: Interior, Earth, Hole in the Rock. Wieder andere verfallen ins umgekehrte Extrem und beschwören obskure Verheißungen: Oracle, Phoenix, Pandora. Die vierte Gruppe bezeugt wiederkehrende Grenzerfahrungen, und nirgendwo in Amerika finden sich so viele davon wie hier: Desolation Canyon, Devil’s Garden, Suicide Pass, Tombstone, Coffin Peak, Danger Cave, Death Valley.

Bei genauerem Hinsehen fällt eine weitere Eigentümlichkeit auf: Im Osten wurden ungleich mehr indianische Bezeichnungen übernommen als im Westen. Von Manhattan bis zum Mississippi und von Ontario bis Alabama sind Amerikas Landkarten mit klangvollen Ortsnamen durchwirkt. Solch poetische Qualitäten wird man im Südwesten vergeblich suchen. Sofern nicht schon bestehende spanische Namen übernommen beziehungsweise verballhornt wurden, begnügten die Siedler sich mit schnöden Allerweltsnamen: Bangs, Clifton, Willcox. Prescott, Douglas, Bluff.

Doch war nicht gerade hier klassisches Indianerland, haben sie sich hier nicht am längsten gehalten? Genau darin dürfte die Erklärung zu suchen sein. Im Osten hatte, wie ungleich auch immer, eine vorläufige Koexistenz zwischen Ureinwohnern und Neuankömmlingen bestanden. Es muss eine Zeit gegeben haben, in der man miteinander sprach, die Landkarten zeugen davon. Ende des 19. Jahrhunderts aber ging es nur mehr darum, vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Indianer wurden gar nicht erst gefragt. Weshalb die ihnen geraubten Gebiete heute auch sprachlich verwüstet sind. Daggett, Brawley, Clark.

Schon Mary Roberts Rinehart, eine der Lichtgestalten des amerikanischen Journalismus, begehrte 1915 bei ihrem Ritt über die Rockies gegen den Vandalismus der weißen Wichtigtuer auf. Sie nähmen sich diese Gipfel vor, welche die Indianer „seit ewigen Zeiten als den alten Mann der Winde kennen oder als die Spitze der roten Feder, und dann nennen sie sie Mount Thompson oder Mount Morgan.“ Warum, fragt sie rhetorisch, „warum um alles in der Welt, wird die denkbar poetischste Nomenklatur, die der Indianer nämlich, ersetzt durch die Namen obskurer Regierungsvertreter, Professoren unbedeutender Universitäten und gänzlich unwichtiger Zeitgenossen, die hinaus in den Westen ziehen, um sich auf den amtlichen Landkarten zu verewigen?“

 

©  Holger Lorenz

"Castles made of Sand" (Jimi Hendrix)

 

 

Holger Lorenz / Stefan Schomann: USA Südwesten - Naturwunder aus Stein und Sand

National Geographic Verlag, Hamburg, 2013

224 Seiten, gebunden, 25 × 31 cm, 124 Fotos

€ 45,00 (D), € 46,40 (A), CHF 59,90 (CH)

ISBN: 978-3-86690-339-5

Für Bibliophile bietet Holger Lorenz zum gleichen Preis auch numerierte und signierte Bücher an, und drei Kunstdrucke gratis dazu.


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©  Martin Müller