Innenansicht eines Krieges

Nicht, daß sie tot sind, all die Kameraden, ist der Schmerz, sondern daß man sie vergessen wird.
Trotz aller Monumente.

Walter Kempowski, Aus großer Zeit

 

Wohl zu keiner Zeit wurden in Europa so viele Tagebücher begonnen wie im August 1914. Ihre Autoren eint das Bewußtsein, dass nun Geschichte geschrieben würde, und sie nehmen sich vor, ihren Beitrag daran festzuhalten. Der Krieg ist das große Novum, ein düsteres Abenteuer.

Auch für Carl-August Graf von Drechsel wird das Tagebuch zu einem wichtigen Halt im Wirbel des Kriegsgeschehens, zum Partner eines stummen Zwiegesprächs. Als Delegierter des Bayerischen Roten Kreuzes leitet er die Verwundetenversorgung hinter der Verdunfront. Ihm unterstehen zahlreiche Ärzte, Schwestern, Pfleger und Helfer, dazu die Mannschaften mehrerer Lazarettzüge, eines Desinfektionszuges sowie einer Sanitätshundeabteilung.

Drechsel hat über die gesamte Kriegsdauer hinweg Tagebuch geführt. Es  gewährt einen direkten Einblick ins Räderwerk der Kriegsmaschinerie – aber aus der Sicht der verwundeten Soldaten, der unermüdlichen Helfer und der geschundenen Bevölkerung im besetzten Gebiet.

Familie von Drechsel. Foto: privat

Zugleich läßt es die seelische Zerreißprobe erahnen, die sich zwischen den politischen Verpflichtungen und dem freiwilligen Sanitätsdienst auf der einen und dem auch in Zeiten eines weltumspannenden Krieges fortdauernden Streben nach Glück und Seelenfrieden auf der anderen Seite abgespielt hat.

Darüber hinaus gewährt es Einsicht in die Lebenswelt der damals staatstragenden Schichten. Als eine alte Oberpfälzische Familie stellten die Drechsels einige der führenden Repräsentanten der bayerischen Monarchie wie auch der Nachkriegsjahre. Das heute wohl bekannteste Mitglied ist Max-Ulrich, Sohn des Carl-August, der 1944 als Widerstandskämpfer hingerichtet worden ist.

Propagandapostkarte aus den Beständen des Rotkreuzmuseums Regenstauf

Ich habe dieses ungewöhnliche Zeitdokument herausgegeben und ihm einem längeren Essay über die Arbeit der freiwilligen Hilfsgesellschaften im Ersten Weltkrieg an die Seite gestellt.

Jetzt, da sich dessen Beginn zum hundertsten Mal jährt, widmen sich zahlreiche Bücher, Ausstellungen und Gesprächsrunden dieser kriegswütigen Zeit. Zu häufig wird sie einseitig aus militärischer und politischer Sicht geschildert. Soweit ich sehe, ist Drechsels Tagebuch im "Jubiläumsjahr" die einzige größere Publikation zu diesem Thema. Wie nur wenige andere Quellen schildern die Berichte der Rotkreuzhelfer und -helferinnen auch die „Kehrseite der Medaille“, die wenig hehren und ruhmreichen, aber nur allzu realen Konsequenzen eines Krieges.

 

Das Buch ist soeben im Verlag Friedrich Pustet erschienen; am 23. Oktober stellen wir es gemeinsam mit dem Bezirk Oberpfalz in der Villa Weinschenk in Regensburg vor (19:00). Tags darauf präsentieren wir es auch noch in Regenstauf und bringen die Geschichte so an ihren Ursprungsort zurück. Hier eine Leseprobe.

 

Stefan Schomann (Hg.): "So geht das Morden täglich weiter" - Erinnerungen des Rotkreuzdelegierten Carl-August Graf von Drechsel 1914-1919

Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, 2014
216 Seiten, gebunden, 14 x 22 cm, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-7917-2632-8
€ 16,95
(D), 17,50 (A) / CHF (CH) 24,50

 

Eine umfassende Darstellung der Geschichte des Deutschen Roten Kreuzes bietet mein Buch Im Zeichen der Menschlichkeit. Auch dort habe ich viel mit Originalquellen gearbeitet, mit Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen von Helfern quer durch die Zeiten. Es ist 2013 bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen. Mehr darüber lesen Sie hier.

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