Aktuelles

Der unbequeme Held

Standbild von Isang Yun an der Gedenkstätte in Tongyeong - © Stefan Schomann

Isang Yun war der erste nicht-westliche Komponist in den Reihen der Avantgarde. Wirklich berühmt wurde er jedoch als Opfer eines Polit-Krimis mitten im Kalten Krieg. 1967 entführte der südkoreanische Geheimdienst ihn und seine Frau aus West-Berlin. Weltweiten Protesten verdankte er sein Leben und seine Freilassung nach zwei Jahren. Auch wenn sein Rang als einer der großen Einzelgänger der Moderne heute unbestritten ist, ist er im Westen doch bis heute der Exot geblieben, und seine Landsleute schwanken zwischen Ablehnung und Bewunderung. Ich habe mich auf Spurensuche in seiner südkoreanischen Heimat wie auch in seiner deutschen Wahlheimat begeben, habe Angehörige und Weggefährten befragt und die Schauplätze eines zerrissenen, aber bemerkenswert produktiven Künstlerlebens erkundet.

Im Frühjahr hatte ich im Tagesspiegel bereits über das große Musikfestival in seiner Heimatstadt Tongyeong berichtet, das dieses Jahr ganz im Zeichen Isang Yuns stand; anbei ein paar Impressionen. Am 19. September folgt nun im Bayerischen Rundfunk eine Sendung zu seinem 100. Geburtstag (auf BR Klassik, ab 22:05).

 

 

Konzerthalle Tongyeong - ©  Stefan Schomann

Ein koreanisches Trio mit Zia Shin, Yeol Eum Son und Myung-Wha Chung - © TIMF
Sooja Lee, die Witwe von Isang Yun, war Ehrengast des Festivals - © TIMF
Begleitet vom Hong Kong Chinese Orchestra, singt Yeree Suh Lieder von Isang Yun - © TIMF
Die Totenmaske von Isang Yun in der Gedenkstätte in Tongyeong - ©  Stefan Schomann
Konzerthalle Tongyeong - ©  Stefan Schomann

Von Berserkern und Bestsellern

Die nordische Mythologie erzählt von den Berserkern, schrecklich wütenden Kriegern, welche die Kräfte von zwölf Männern auf einmal entfesselten. Doch gegen Joachim Meyerhoff erscheinen selbst sie als Schlafmützen. Schon als Autor leistet er ein unerhörtes Pensum, veröffentlichte drei Erfolgsbücher in nur fünf Jahren und legt nun das vierte vor. Doch von Hause aus ist Meyerhoff Schauspieler, einer der gefragtesten im deutschsprachigen Raum.

Auf dem Hamburger Theaterfestival besticht er derzeit mit einem Soloprogramm: Die Welt im Rücken, nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle. Für das Magazin des Festivals habe ich versucht, mich diesem Phänomen namens Joachim Meyerhoff zu nähern. Ende des Jahres folgt dann noch eine kleine Betrachtung über ihn als Erfolgschriftsteller – dann erscheint der vierte Band seiner Lebensbeschreibung, Die Zweisamkeit der Einzelgänger. Nachzulesen ab November in 5 Plus, diesem wunderbaren Kulturmagazin einschlägiger literarischer Buchhandlungen.

 

 

Familienzuwachs

"Und doch muß man China als ein unverstandenes,
fast möchte man sagen unbekanntes Land bezeichnen."

Ferdinand Freiherr von Richthofen

 

 

Seit bald zwanzig Jahren berichte ich nun aus China. Zu meiner Freude ist jetzt ein aktueller Band mit literarischen Reportagen herausgekommen: China – Streifzüge durch ein Weltreich. Er erzählt, wie Dorfschullehrer Li Jia-hong eine neue Menschenaffenart entdeckte. Oder wie Seilläufer Saimaiti Aishan hoch über der Schlucht eine Entscheidung traf. Wie Datong seine Vergangenheit neu erfand und Schanghai seine Zukunft. Und wie Zhao Tao mit der uralten Kunst des Erzählens nicht nur ein ganzes Dorf in ihren Bann zog, sondern ihren künftigen Ehemann gleich mit.

Das Buch ist soeben erschienen, in der Reihe Lesereisen des Picus Verlags.

©  Robert Sokal

In Zusammenarbeit mit der Janusz Korczak Akademie hat die Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin eine Ausstellung über das erste und das letzte Ghetto gezeigt, also über die jüdischen Wohnviertel in Venedig und Schanghai. Dabei fand am 19. Juli auch die Buchpremiere statt. Mit über zweihundert Zuhörern – volles Haus! Neben dem neuen Buch war auch Letzte Zuflucht Schanghai einmal mehr präsent. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua widmete der Veranstaltung einen ausführlichen Bericht.

Die nächste Lesung findet am Montag, den 21. August im Deutschen Zentrum in Peking statt. Am Dienstag, den 17. Oktober folgt dann wieder eine Lesung in Berlin, in der Buch- und Landkartenhandlung Schropp (20:00).

©  Konrad-Adenauer-Stiftung

Das Fest der Erzähler

Einmal im Jahr treffen sich Geschichtenerzähler aus ganz China zu einem großen Festival in einem unscheinbaren Dorf in Henan. Mit 1500 Teilnehmern und 300.000 Zuschauern zählt es zu den größten Volkskunstfesten der Welt.

Über alle historischen Umbrüche hinweg ist in China ein unverlierbarer Kern mündlicher Überlieferungen lebendig geblieben. Gemeinsam mit dem Fotografen Justin Jin war ich als erster westlicher Journalist überhaupt bei diesem Festival mit von der Partie und habe dort die Faszination einer uralten Profession erlebt. Sie führt auch an die Ursprünge unseres eigenen Metiers: Sprich mir, o Muse ...

Erschienen ist die Reportage im Juni-Heft von Terra Mater; in vollständiger Länge ist sie auch im neuen China-Buch enthalten. Dafür habe ich jetzt eine Auszeichnung besonderer Art erhalten: Ich bin in aller Form zum Ehrenbürger von Ma Jie ernannt worden, und zum "Kulturbotschafter" obendrein. Beim Festakt im „Chinesischen Museum der Erzähler“ traten auch eine Reihe örtlicher Künstler auf. Anschließend folgte ein Hausbesuch bei Yü Shu-xi, dem Lokalmatador, der seit über achtzig Jahren am Festival teilnimmt. Jahrgang 1919, bezeichnete er mich neckisch als „jungen Spund“. Und gab aus dem Stegreif eine Privatvorstellung, zusammen mit einem 65jährigen Schüler … Anbei ein paar Bilder von der Feierstunde und ein Beitrag des regionalen Fernsehsenders.

©  He Wu-chang / Landkreis Baoshan

©  He Wu-chang / Landkreis Baoshan
©  privat
©  He Wu-chang / Landkreis Baoshan
©  He Wu-chang / Landkreis Baoshan

Fernsehbericht zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Ma Jie und zum Festakt im "Chinesischen Museum der Erzähler"

Der Berg ruft!

©  Stefan Schomann

Das Jodeln hat, wie schon Loriot feststellte, etwas ganz Eigenes. Als musikalische Spezialität des deutschsprachigen Alpenraums besitzt es seinen angestammten Platz in der Folklore, vereinzelt auch in der Kunstmusik, und im Zuge der Weltmusik-Bewegung ist es heute wieder stark im Kommen. Und das nicht nur in alpinen Gefilden, sondern auch in den Niederungen des Flachlandes. Das alternative Milieu das Jodeln als musikalische Spezialität und als therapeutisches Erlebnis. Wobei der „schweizerische Naturjodel“ etwas ganz Besonderes darstellt. Weit weg von der gängigen Volldampf-Folklore, vom manischen Hochgefühl der Virtuosen, berühren diese Lieder ohne Worte vielmehr durch ihren schwermütigen Ernst.
Für die „Welt der Musik“  habe ich mich auf Feldforschung begeben und in die alpine Klanglandschaft hineingelauscht. Ende Juni war diese musikalische Reise auf NDR Kultur zu hören.

Senntumschellen im Muotatal - ©  Stefan Schomann

Jodelkurs am Timmelsjoch - © Stefan Schomann
Ernst Schilt an den Giessbachfällen - © Stefan Schomann
alter Mektrichter für den allabendlichen Alpsegen - © Stefan Schomann
Flötenzaun auf dem Toggenburger Klangweg - ©  Stefan Schomann
Schellenbaum auf dem Toggenburger Klangweg - © Stefan Schomann
Lithophon von Beat Weyeneth - © Stefan Schomann
Stilleben - © Stefan Schomann
Bauernbub - © Stefan Schomann
Naturtonfestival auf dem Berliner Hahneberg - © Li Na

Italienische Reise

 

Im Hörverlag ist jetzt ein Hörbuch über unser aller Sehnsuchtsziel herauskommen. Es enthält auch zwei größere Geschichten von mir.

Einmal wandle ich auf den Spuren Antonio Vivaldis durch Venedig – auf Spuren, die merkwürdigerweise kaum mehr auszumachen sind, als hätte er in Wahrheit anderswo gelebt.

Und ich spüre dem Mythos der Dolomiten nach, diesem Inbegriff alpiner Faszination. Die Büllelejoch-Hütte liegt mittendrin im großen Felsentheater und doch ganz gut versteckt.

©  Stefan Schomann

© Stefan Schomann
©  Stefan Schomann
©  Stefan Schomann
© Stefan Schomann
©  Stefan Schomann

„Die Sonne, der Wein und der Wind der Zeiten“

©  Stefan Schomann

Armenien, dieses kleine Land am Südhang des Kaukasus, verfügt über alte und fruchtbare musikalische Traditionen. Doch durch die Massenmorde während des Ersten Weltkriegs und sieben Jahrzehnte Sowjetherrschaft war die Verbindung zu diesem Kulturkreis weitgehend unterbrochen. So dass die westliche Welt erst jetzt entdeckt, welche Reichtümer er hervorgebracht hat. Die liturgischen Gesänge gehören zur ältesten schriftlich überlieferten Musik der Welt. Ihre Bedeutung für das kulturelle Überleben der armenischen Nation kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Es ist eine Musik wie vom Grunde der Zeit, von fremdartiger Schönheit und spiritueller Kraft. Darin sind vorchristliche Kulte ebenso aufbewahrt wie die Lieder umherziehender Barden. Zeitgenössische Komponisten wie Tigran Mansurian oder Wache Scharafjan schöpfen aus diesem Fundus, und selbst die Jazz- und Pop-Szene kommt immer wieder darauf zurück. Zugleich todtraurig und voller Lebensfreude, schlägt diese Musik eine Brücke zwischen Orient und Okzident.

In einer knapp einstündigen Sendung unternehme ich eine musikalische Reise nach Armenien. Sie war am 23. und 25. April 2017 in der Reihe "Welt der Musik" auf NDR Kultur zu hören.

Bereits im vergangenen Jahr erschien im Tagesspiegel ein Beitrag über die herausragende Bedeutung der Musik für die armenische Identität: "Die Heimat des Schmerzes". Anlaß war die Bundestags-Resolution über „die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich“. Zahlreiche Kulturschaffende, insbesondere Musiker, haben sich dazu in einem Offenen Brief zu Wort gemeldet. 

and the winner is ...

©  Michel Mossessian

Parallel habe ich mich seit einiger Zeit auch mit der armenischen Diaspora beschäftigt. Und dabei für die Initiative der 100Lives einige Familiengeschichten aufgezeichnet. Ein wahrhaft episches Unterfangen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Shoah-Projekt hat. Zuletzt erschien dort ein Porträt von Hratch Kaprielian.

Ein anderer Gesprächspartner war der Architekt Michel Mossessian. Als Sohn armenischer Flüchtlinge in Paris aufgewachsen, zählt er zu den international gefragtesten Architekten seiner Generation. Nun hat der heute 56jährige einen weiteren Wettbewerb für sich entschieden – den für das Museum des islamischen Glaubens in Mekka. Toutes mes félicitations, Michel! 

Bislang fehlte eine solche Institution in der Pilgerstadt. Jetzt soll dort auf fast 20.000 Quadratmetern eine "Oase des Glaubens" entstehen. 

©  Michel Mossessian

„Orte zu schaffen, denen die Menschen sich zugehörig fühlen“, so umschreibt Mossessian die wichtigste Aufgabe seines Berufsstandes. Vor elf Jahren eröffnete er ein eigenes Büro in London, wo auch einige seiner bedeutendsten Bauten stehen. Zuvor bin ich seiner Arbeit bereits in Katar begegnet, wo er beim Großprojekt von Msheireb im Zentrum von Doha als einer der federführenden Architekten agiert.

 

 

Begegnung mit der dritten Art

© Li Jia-hong

Vor zwei Jahrzehnten vernahm Lehrer Li einen unerhörten Gesang, ein forderndes Flehen aus den Tiefen des Urwalds. Und er verfiel ihm. Wann immer die Bauern ihm zutrugen, sie hätten „die schwarzen Affen“ gehört oder gar gesehen, versuchte er sie aufzustöbern.

Nach acht Jahren in den Bergwäldern Yunnans gelang ihm das erste Foto. Langsam lief die Maschinerie der internationalen Forschungsgemeinschaft an. Am Ende waren Spezialisten aus vier Kontinenten damit befasst. Im Mai 2017 veröffentlichten sie ihre Ergebnisse im American Journal of Primatology. Dorfschullehrer Li Jia-hong hat eine neue Menschenaffenart entdeckt.

Sie gehört zur Familie der Gibbons. Auf chinesischem Gebiet dürften weniger als zweihundert davon leben. Möglich, dass es drüben in Burma noch ein paar mehr gibt, doch darüber weiß man nichts. Verglichen damit scheint die Situation des Großen Panda mit zehnmal so vielen Exemplaren beinah komfortabel.

Im Focus (Heft Nr. 13) habe ich den Hergang dieses wissenschaftlichen Krimis nachgezeichnet. Und dafür Artgenossen besucht, die ganze Jahre in den Bäumen zubringen.

 

 

Die neu bestimmte Art der Weißbrauengibbons - ©  Li Jia-hong

Lehrer Li im Gibbon-Wald - ©  Stefan Schomann
Auch für Vogelkundler sind Yunnans Berge ein Mekka - ©  Stefan Schomann
Immer mehr Straßen durchschneiden die Berge  - ©  Stefan Schomann
Lehrer Li im Gibbon-Wald - ©  Stefan Schomann

Hollywood hat angerufen

Verlobungsurkunde von Robert Reuven Sokal und Julie Chenchu Yang

Mittlerweile hat ein chinesischer Produzent eine Option auf die Rechte an Letzte Zuflucht Schanghai erworben, das er gemeinsam mit amerikanischen Kollegen verfilmen will. Auch wenn es bis dahin noch ein längerer Prozeß ist, so freut es mich natürlich, daß diese Geschichte, die drei Kontinente miteinander verbindet, einmal mehr ihre Anziehungskraft beweist – und sie sich anschickt, diesen Weg noch einmal zu gehen.

 

 

 

Vom Reisen und vom Schreiben

©  Nele Braas

Im Rahmen eines Seminars über Reiseliteratur und –journalismus hat die Lektorin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin Alice Grünfelder mit mir ein längeres Gespräch über Fragen des Metiers geführt. Ein bißchen plaudere ich dabei auch aus dem Nähkästchen beziehungsweise Federmäppchen.

 

 

Nächste Runde

Dank der erfreulich starken Nachfrage ist mein Buch über die Geschichte des Roten Kreuzes (Im Zeichen der Menschlichkeit; DVA) bereits in zweiter Auflage erschienen. Die Gesamtauflage beträgt nun rund 24.000. Eine Leseprobe und weitere Informationen zum Thema finden Sie hier.

Die Erstlesung fand im Oktober 2013 im Literaturhaus Stuttgart statt, im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 150jährigen Bestehen der Hilfsorganisation. Der Württembergische Sanitätsverein war seinerzeit die weltweit erste nationale Rotkreuzgesellschaft. 

Inzwischen habe ich rund dreißig Lesungen gegeben.



21. August: Peking, Deutsches Zentrum

17. Oktober: Berlin, Buchhandlung Schropp
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©  Martin Müller