Aktuelles

Der unbequeme Held

Standbild von Isang Yun an der Gedenkstätte in Tongyeong - © Stefan Schomann

Das Musikfestival in südkoreanischen Tongyeong stand dieses Jahr ganz im Zeichen von Isang Yun, der in diesem romantischen Küstenstädtchen aufgewachsen ist. Ein Leben lang hat er darum gerungen, die koreanische Kultur in die Musikgeschichte einzuschreiben – um den Preis, seine Heimat nie wiederzusehen. Begraben liegt er dort, wo er ein zweites Zuhause und eine tragfähige Arbeitsbasis gefunden hatte, in West-Berlin. Draußen in Kladow, wo die amphibische Havellandschaft mit ihren Buchten und Inseln wie ein Tongyeong en miniature anmutet

Im Tagesspiegel vom 19. April berichte ich über das Festival. Zu Yuns 100. Geburtstag im September folgt dann noch eine Sendung im Bayerischen Rundfunk. Anbei ein paar Impressionen.

Konzerthalle Tongyeong - ©  Stefan Schomann

Ein koreanisches Trio mit Zia Shin, Yeol Eum Son und Myung-Wha Chung - © TIMF
Sooja Lee, die Witwe von Isang Yun, war Ehrengast des Festivals - © TIMF
Begleitet vom Hong Kong Chinese Orchestra, singt Yeree Suh Lieder von Isang Yun - © TIMF
Die Totenmaske von Isang Yun in der Gedenkstätte in Tongyeong - ©  Stefan Schomann
Konzerthalle Tongyeong - ©  Stefan Schomann

„Die Sonne, der Wein und der Wind der Zeiten“

©  Stefan Schomann

Armenien, dieses kleine Land am Südhang des Kaukasus, verfügt über alte und fruchtbare musikalische Traditionen. Doch durch die Massenmorde während des Ersten Weltkriegs und sieben Jahrzehnte Sowjetherrschaft war die Verbindung zu diesem Kulturkreis weitgehend unterbrochen. So dass die westliche Welt erst jetzt entdeckt, welche Reichtümer er hervorgebracht hat. Die liturgischen Gesänge gehören zur ältesten schriftlich überlieferten Musik der Welt. Ihre Bedeutung für das kulturelle Überleben der armenischen Nation kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Es ist eine Musik wie vom Grunde der Zeit, von fremdartiger Schönheit und spiritueller Kraft. Darin sind vorchristliche Kulte ebenso aufbewahrt wie die Lieder umherziehender Barden. Zeitgenössische Komponisten wie Tigran Mansurian oder Wache Scharafjan schöpfen aus diesem Fundus, und selbst die Jazz- und Pop-Szene kommt immer wieder darauf zurück. Zugleich todtraurig und voller Lebensfreude, schlägt diese Musik eine Brücke zwischen Orient und Okzident.

In einer knapp einstündigen Sendung unternehme ich eine musikalische Reise nach Armenien. Sie wird am Sonntag, den 23. April 2017, in der Reihe "Welt der Musik" auf NDR Kultur zu hören sein (um 18 Uhr; Wiederholung am 25. April um 21 Uhr).

Ergänzend erschien im Tagesspiegel ein Beitrag über die herausragende Bedeutung der Musik für die armenische Identität: "Die Heimat des Schmerzes". Anlaß war die Bundestags-Resolution über „die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich“. Zahlreiche Kulturschaffende, insbesondere Musiker, haben sich dazu in einem Offenen Brief zu Wort gemeldet. 

and the winner is ...

©  Michel Mossessian

Parallel habe ich mich seit einiger Zeit auch mit der armenischen Diaspora beschäftigt. Und dabei für die Initiative der 100Lives einige Familiengeschichten aufgezeichnet. Ein wahrhaft episches Unterfangen, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Shoah-Projekt hat. Zuletzt erschien dort ein Porträt von Hratch Kaprielian.

Ein anderer Gesprächspartner war der Architekt Michel Mossessian. Als Sohn armenischer Flüchtlinge in Paris aufgewachsen, zählt er zu den international gefragtesten Architekten seiner Generation. Nun hat der heute 56jährige einen weiteren Wettbewerb für sich entschieden – den für das Museum des islamischen Glaubens in Mekka. Toutes mes félicitations, Michel! 

Bislang fehlte eine solche Institution in der Pilgerstadt. Jetzt soll dort auf fast 20.000 Quadratmetern eine "Oase des Glaubens" entstehen. 

©  Michel Mossessian

„Orte zu schaffen, denen die Menschen sich zugehörig fühlen“, so umschreibt Mossessian die wichtigste Aufgabe seines Berufsstandes. Vor elf Jahren eröffnete er ein eigenes Büro in London, wo auch einige seiner bedeutendsten Bauten stehen. Zuvor bin ich seiner Arbeit bereits in Katar begegnet, wo er beim Großprojekt von Msheireb im Zentrum von Doha als einer der federführenden Architekten agiert.

 

 

Das Fest der Erzähler

Einmal im Jahr treffen sich Geschichtenerzähler aus ganz China zu einem großen Festival in einem unscheinbaren Dorf in Henan. Mit 1500 Teilnehmern und 300.000 Zuschauern zählt es zu den größten Volkskunstfesten der Welt.

Über alle historischen Umbrüche hinweg ist in China ein unverlierbarer Kern mündlicher Überlieferungen lebendig geblieben. Gemeinsam mit dem Fotografen Justin Jin war ich als erster westlicher Journalist überhaupt bei diesem Festival mit von der Partie und habe dort die Faszination einer uralten Profession erlebt. Sie führt auch an die Ursprünge unseres eigenen Metiers: Sprich mir, o Muse ...

Erschienen ist die Reportage im aktuellen Heft von Terra Mater (Mai/Juni 2017).

 

 

 

Begegnung mit der dritten Art

© Li Jia-hong

Vor zwei Jahrzehnten vernahm Lehrer Li einen unerhörten Gesang, ein forderndes Flehen aus den Tiefen des Urwalds. Und er verfiel ihm. Wann immer die Bauern ihm zutrugen, sie hätten „die schwarzen Affen“ gehört oder gar gesehen, versuchte er sie aufzustöbern.

Nach acht Jahren in den Bergwäldern Yunnans gelang ihm das erste Foto. Langsam lief die Maschinerie der internationalen Forschungsgemeinschaft an. Am Ende waren Spezialisten aus vier Kontinenten damit befasst. Im Januar nun veröffentlichten sie ihre Ergebnisse im American Journal of Primatology. Dorfschullehrer Li Jia-hong hat eine neue Menschenaffenart entdeckt.

Sie gehört zur Familie der Gibbons. Auf chinesischem Gebiet dürften weniger als zweihundert davon leben. Möglich, dass es drüben in Burma noch ein paar mehr gibt, doch darüber weiß man nichts. Verglichen damit scheint die Situation des Großen Panda mit zehnmal so vielen Exemplaren beinah komfortabel.

Im einer der März-Ausgaben von Focus (Nr. 13) habe ich den Hergang dieses wissenschaftlichen Krimis nachgezeichnet. Und dafür Artgenossen besucht, die ganze Jahre in den Bäumen zubringen.

 

 

Die neu bestimmte Art der Weißbrauengibbons - ©  Li Jia-hong

Lehrer Li im Gibbon-Wald - ©  Stefan Schomann
Auch für Vogelkundler sind Yunnans Berge ein Mekka - ©  Stefan Schomann
Immer mehr Straßen durchschneiden die Berge  - ©  Stefan Schomann
Lehrer Li im Gibbon-Wald - ©  Stefan Schomann

Über die Berge des Balkan

© Stefan Schomann

Albanien, Kosovo, Montenegro – diese Länder sind noch kaum auf der touristischen Landkarte verzeichnet. Seit ein paar Jahren aber werden sie von Naturfreunden entdeckt. Fernwanderwege wie der Peaks of the Balkans Trail bieten den Bergbewohnern nun unverhofft eine wirtschaftliche Perspektive. Zehn Tage lang bin ich dort auf Wanderschaft gegangen. Und erzähle nun am 18. März davon in der taz.

 

 

©  Stefan Schomann

©  Stefan Schomann
©  Stefan Schomann
©  Stefan Schomann
©  Stefan Schomann
©  Stefan Schomann

Kanada, du hast es besser!

© Stefan Schomann

Kanada könnte zum heimlichen Gewinner der US-Wahlen werden. Zu keiner Zeit haben sich so viele US-Amerikaner Gedanken über ihre Nachbarn im Norden gemacht wie in den letzten Monaten. Vor allem jene, denen die Vorstellung von Donald Trump als Staatsoberhaupt unerträglich schien. Endzeitstimmung machte sich breit. Viele aufgebrachte Zeitgenossen, darunter etliche Prominente, erklärten, daß sie im Ernstfall nach Kanada auswandern würden.

Ob nun wirklich ein Exodus einsetzt? Amerikas Unbehagen an sich selbst ist jedenfalls merklich gewachsen. Zu verstörend war die Obszönität des Machtkampfes, zu stark der Verdruß über das abgekartete Spiel der Politik, zu unerfreulich die Zwangsgemeinschaft mit zahllosen „häßlichen Amerikanern“, als daß man zur Tagesordnung übergehen könnte. Oben im Norden wartet eine bessere Welt – mehr denn je erscheint Kanada als die zivilisiertere, friedfertigere und lebenswertere Alternative.

In der Focus-Ausgabe zur Präsidentschaftswahl (Heft 46) habe ich ein kleines Psychogramm dieses großen Landes gezeichnet.

 

 

Beethoven on the rocks

Er ist einer dieser archetypischen Gipfel, wo man wie Zarathustra mit der Morgenröte aufsteht und vor die Sonne hintritt: der Pilatus. Der Hausberg der ganzen Schweiz, fürs nationale Seelenleben weit prägender als etwa das Matterhorn. Fast jeder Eidgenosse trägt Kindheitserinnerungen daran in sich, und vielen bescherte der 2129 Meter hohe Monolith die Initiation in die Bergwelt.

An drei Herbstwochenenden haben der Pianist Oliver Schnyder und Mitglieder des Luzerner Sinfonieorchesters dort oben Beethovens fünf Klavierkonzerte aufgeführt, und allerhand Kammermusik des Meisters dazu. Für den Tagesspiegel habe ich über dieses musikalische Gipfeltreffen berichtet.

© PPR MEDIA RELATIONS AG
©  Stefan Schomann

©  PPR Media Relations AG
©  Ingo Höhn
©  Stefan Schomann

Zu Wagners Zeiten verfügte das Hotel auf dem Pilatus noch über ein Klavier. Irgendwann aber hat es wohl das Zeitliche gesegnet, so daß der Flügel für Schnyder eingeflogen werden mußte. Eine spektakuläre Aktion mit 350 Kilo Nutzlast im Wert von 130.000 Franken.

© Pilatus-Bahnen

 

 

Hollywood hat angerufen

Verlobungsurkunde von Robert Reuven Sokal und Julie Chenchu Yang

Mittlerweile hat ein chinesischer Produzent eine Option auf die Rechte an Letzte Zuflucht Schanghai erworben, das er gemeinsam mit amerikanischen Kollegen verfilmen will. Auch wenn es bis dahin noch ein längerer Prozeß ist, so freut es mich natürlich, daß diese Geschichte, die drei Kontinente miteinander verbindet, einmal mehr ihre Anziehungskraft beweist – und sie sich anschickt, diesen Weg noch einmal zu gehen.

Am 13. Oktober stelle ich das Buch in der Film- und Medienhochschule in Qingdao vor.

 

 

Vom Reisen und vom Schreiben

©  Nele Braas

Im Rahmen eines Seminars über Reiseliteratur und –journalismus hat die Lektorin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin Alice Grünfelder mit mir ein längeres Gespräch über Fragen des Metiers geführt. Ein bißchen plaudere ich dabei auch aus dem Nähkästchen beziehungsweise Federmäppchen.

 

 

Innenansichten eines Krieges

Als Delegierter des Bayerischen Roten Kreuzes hat Carl-August Graf von Drechsel im Ersten Weltkrieg den Frontabschnitt hinter Verdun betreut. Ihm unterstanden zahlreiche Ärzte, Schwestern, Pfleger und Helfer, dazu die Mannschaften mehrerer Lazarettzüge.

Drechsel hat über die gesamte Kriegsdauer hinweg Tagebuch geführt. Es gewährt einen direkten Einblick ins Räderwerk der Kriegsmaschinerie – aber aus der Sicht der verwundeten Soldaten, der unermüdlichen Helfer und der geschundenen Bevölkerung im besetzten Gebiet. Und zeigt so anschaulich die "Kehrseite der Medaille".

Ich habe dieses ungewöhnliche Zeitdokument herausgegeben und ihm einem längeren Essay an die Seite gestellt. Das Buch ist soeben im Verlag Friedrich Pustet erschienen; am 23. Oktober haben wir es gemeinsam mit dem Bezirk Oberpfalz in der Villa Weinschenk in Regensburg vorgestellt. Tags darauf haben wir es dann auch noch in Regenstauf präsentiert und die Geschichte so an ihren Ursprungsort zurückgebracht. Mehr darüber auf den Bücherseiten.

 

 

Nächste Runde

Dank der erfreulich starken Nachfrage ist mein Buch über die Geschichte des Roten Kreuzes bereits in zweiter Auflage erschienen. Die Gesamtauflage beträgt nun rund 24.000. Eine Leseprobe und weitere Informationen zum Thema finden Sie hier.

Die Erstlesung fand im Oktober 2013 im Literaturhaus Stuttgart statt, im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 150jährigen Bestehen der Hilfsorganisation. Der Württembergische Sanitätsverein war seinerzeit die weltweit erste nationale Rotkreuzgesellschaft. 

Inzwischen habe ich rund dreißig Lesungen gegeben.